Eines vorweg: Rheinland-Pfalz ist ein schönes Land. Und wer einmal die kulinarischen Spezialitäten, besonders die flüssigen, genossen hat und die freundlichen Menschen in diesem Teil Deutschlands kennen lernte, wird Rheinland-Pfalz lieben. Gleichwohl werden die Politiker dieses Bundeslandes vielfach belächelt. Ihre Gemütlichkeit, ihre Behäbigkeit sorgt für manchen Witz und Spott. Das haben Altkanzler Kohl oder Ex-Verteidigungsminister Rudolf Scharping erlebt, das erlebt Ministerpräsident Kurt Beck noch heute. Anders verhält es sich da im Falle unseres Bundeswirtschaftsministers. Der Brüderle, der kommt nicht nur aus Rheinland-Pfalz, der ist auch Rheinland-Pfalz.
Der Mann ist so etwas wie der personifizierte Störfall oder auch GAU der schwarzgelben Atom- und Anti-Atom-Politik.
Am 14. März verblüffte Kanzlerin Merkel die Öffentlichkeit, als sie das 3-monatige Moratorium verkündete. Bis dahin galt in Uran und Plutonium gemeißelt: Deutsche Kernkraftwerke seien sicher. Am 14. März sollte dann plötzlich die Sicherheit der deutschen Meiler geprüft werden. Irritiert waren da auch die Spitzen des BDI. Zum Glück hatte der Industrieverband jedoch Wirtschaftsminister Brüderle zu Gast. Und den fragten die Industrie-Bosse dann auch, wie das denn nun so gemeint sei mit dem Moratorium.
Der Brüderle, der muß wohl gerade ein Glas Wein in der Hand gehabt haben. Im Wein liegt die Wahrheit – jedenfalls begründete der ehemalige Weinminister das Moratorium mit dem Hinweis auf die bevorstehenden Landtagswahlen. Da müsse Politik auch mal „nicht immer rational“ entscheiden. So berichtet jedenfalls die Süddeutsche Zeitung. Dummerweise wurde von dem Treffen nämlich ein Protokoll angefertigt, in dem diese Äußerung von Brüderle stehen soll.
Gut, Kanzlerin Merkel konnte den Verdacht nie widerlegen, daß das Moratorium erstens, zweitens und drittens vor allen Dingen einen Zweck hatte: Die Wahlchancen bei den Landtagswahlen für schwarzgelb zu schützen. Aber bislang galt: Erst NACH Wahlen werden Wahlversprechen „gefühlvoll“ an die Realität angepasst. Daß der Brüderle nun noch vor den Wahlen im Atom-Land Baden-Württemberg die strahlende Katze aus dem Sack ließ, das hat es noch nicht gegeben, das ist ja fast schon „innovativ“. Andere würden es aber auch schlicht nicht clever oder nicht geschickt nennen. Kanzlerin Merkel wird aber weiter die Illusion einer ergebnisoffenen Prüfung am Leben halten. Und den Brüderle zu Stubenarrest verdonnern. Also bis Sonntag bestimmt. Dann hat Baden-Württemberg gewählt, dann darf das personifizierte Restrisiko Brüderle auch wieder öffentlich auftreten.