Streitgespräch zur Schulpolitik - Schule muss Ungleichheiten ausgleichen!

Schule und Bildung

In einem Streitgespräch im Hause der WAZ Dorsten erläuterte Dr. Hans-Udo Schneider am Donnerstag seine Zielvorstellungen zur Schulpolitik. Der Industrie- und Sozialpfarrer setzt auf längeres gemeinsames Lernen und ein Aus für die Hauptschule. 70% der Hauptschülerinnen und –schüler haben auf dem Ausbildungsmarkt keine Chance. Nach dem Austausch von Positionen und Argumenten bot Dr. Hans-Udo Schneider dem politischen Gegner „Gemeinschaft“ an – Christian Heddier von der CDU lehnte ab.

Veröffentlicht in der WAZ Dorsten am 25. April 2009:

Ist die Schullandschaft in Dorsten leistungsstark oder reparaturbedürftig? Wahlkampf-Spitzen in den letzten Wochen zeigen: Diese Frage wird ein zentrales Thema im Stadtwahlkampf. Die WAZ bat Dr. Hans-Udo Schneider (62, Bürgermeisterkandidat von SPD und Grünen) und Christian Heddier (27, schulpolitischer Sprecher der CDU) zum Streitgespräch, moderiert von Ludger Böhne und Ute Hildebrand-Schute.

Herr Schneider, die CDU hat erklärt, Sie wollten „eine zweite Gesamtschule zwangseinführen”, das sei „ein Bildungspolitischer Irrweg der 70-er Jahre.”

Dr. Hans-Udo Schneider: Ich habe keine zweite Gesamtschule gefordert. Diese plumpe Unterstellung muss ich zurückweisen. Die CDU-Landesregierung bekämpft die Gesamtschulen. Selbst bei einem Beschluss mit großer Mehrheit wäre mit Ablehnung durch das Schulministerium zu rechnen. Die Folge: Wir hätten einen Schulkampf. Das will ich nicht. Wir wollen beste Bildung für alle.

Christian Heddier: In der Politik muss man auch zuspitzen dürfen. Wir wollen das Schulsystem im Wesentlichen erhalten. In der Diskussion um den Schulentwicklungsplan haben wir gemerkt: Jede Umstrukturierung schafft Unruhe und Beeinträchtigungen. Dafür müssen wir einen deutlichen Mehrwert bekommen. Wir haben jetzt sehr gut aufgestellte Schulen. Die Hauptschule hat Probleme. Das muss man nicht schönreden. Aber das hat gesellschaftliche Ursachen. Und die alte SPD-Landesregierung hat die Hauptschulen Jahrzehnte mit diesen Problemen allein gelassen. Die Frage ist, wie geht man nun damit um.

Schneider: Schon da unterscheiden wir uns massiv. Das sind Positionen des 19. Jahrhunderts. Ich vertrete Positionen des 21. Jahrhunderts. Zu meinem Bildungsbegriff gehören selbstverständlich prüfbares Wissen und nachweisbare Kompetenzen. Aber Schule muss heute mehr leisten, muss umfassend fördern und Kinder so stärken, dass sie Verantwortung in der Gesellschaft übernehmen können.

Heddier: Bei der letzten Aussage sind wir nicht auseinander . . .

Schneider: Aber leistet unser System das? Ich sage Nein und das macht den Dissens. Die Hauptschule ist die Normalschule der Migranten und Armen geworden, 70 % der Abgänger haben keine Chance auf dem Arbeitsmarkt. Das deklassiert. Schon die Schüler fühlen sich ausgegrenzt und beschämt, obwohl die Lehrer einen hervorragenden Job machen.

Heddier: Kinder gemäß ihrer Begabung zu fördern, ist keine Bildungspolitik des 19. Jahrhunderts. Es liegt nicht am System, sondern an gesellschaftlichen Faktoren. Man überfordert Schulen, wenn sie das ausgleichen sollen. Wichtige Schritte sind bereits eingeleitet. Die Sprachförderung wird Migranten bessere Bildungschancen eröffnen. Die Ganztagsangebote, die wir in Dorsten eingerichtet haben, sind für Schüler aus schwierigen sozialen Verhältnissen wichtig. Das hat die SPD den Hauptschulen Jahrzehnte vorenthalten.

Schneider: An unser Schulsystem erhebe ich schon den Anspruch, dass es einen Beitrag zum Ausgleich vorhandener Ungleichheiten leistet. Auf keinen Fall darf es aber solche noch verschärfen. Das ist objektiv der Fall. Sie reden von Integration und machen durch das dreigliedrige Schulsystem das Gegenteil. Die CDU im Land hat's ja nochmal pervertiert: Früher hatten wir bei der Wahl der weiter führenden Schule den Elternwillen. Jetzt gibt's ein Gutachten der Grundschule. Außerdem wurden die Grundschulbezirke aufgelöst. Das vertieft die Spaltung der Gesellschaft.
Heddier: Die Zahlen belegen eindeutig, dass die Wohnortnähe das zentrale Kriterium bei der Wahl der Grundschule ist. Bis auf wenige Ausnahmen melden die Eltern bei der wohnortnächsten Grundschule an. Die von ihnen beschriebene Entwicklung gibt es in Dorsten nicht.
Schneider: Aber sie wird sich verschärfen, wenn wir die Armutsinseln in Barkenberg, Hervest, Holsterhausen nicht in den Griff bekommen.

Die Gutachten der Grundschulen für Klasse fünf haben Auswirkung auf die Schullandschaft . . .

Schneider: Ich halte nichts von der Sortierung nach der vierten Klasse. Fast alle anderen Länder machen das nach dem sechsten Jahr.

Heddier: Aber das benachteiligt unter anderem stärkere Schüler, die eher gefördert werden müssen. Das ist auch das Ergebnis der Studie von Professor Lehmann aus Berlin, der vier- und sechsjährige Grundschulzeit miteinander verglichen hat.

Änderungen im Schulsystem werden nicht in Dorsten beschlossen, sondern vom Land. Wie gehen wir damit um?

Schneider: Wenn sich die demografische Entwicklung fortsetzt . . .

Heddier: Der Rückgang der Schülerzahlen wird eher etwas abflachen.

Schneider: . . . dann stellt sich die Frage, wie wir eine ortsnahe Schullandschaft erhalten. Was tun wir, wenn eine weitere Hauptschule oder die erste Realschule in Gefahr kommt? Was dann? Da würde sich das Schulzentrum Pliesterbecker Straße für eine Gemeinschaftsschule anbieten.

Heddier: Der Effekt wird sein: Die leistungsstärkeren Schüler mit Realschulempfehlung gehen auf eine Realschule und der Verbund wird faktisch zur Hauptschule. Die Hauptschule abzuschaffen, löst die sozialen Probleme nicht. Die Frage ist doch: Wie fördern wir Kinder individuell? Warum soll es nicht funktionieren, sie an Hauptschulen besser zu fördern? Beim Bildungsmonitoring des Kreises – dafür wurden Eltern von Drittklässlern befragt – haben 54 % das Gymnasium als Wunschschule für ihr Kind genannt, nur 10 % die Gesamtschule. Man muss beachten, dass Schulentwicklungsentscheidungen nicht nur für ein Jahr gelten dürfen oder gar kurzfristig von wechselnden Mehrheiten des Elternwillens abhängen. Schule braucht Planungssicherheit.

Schneider: Aber das dreigliedrige Schulsystem wird den gesellschaftlichen Anforderungen nicht mehr gerecht. Das von Ministerpräsident Rüttgers eingesetzte Zukunftsforum hat dazu in der Frage der Hauptschule eine eindeutige Aussage gemacht. Wann endlich zieht die CDU daraus die Konsequenzen? Als Bürgermeister würde ich jeden Versuch machen, wenn Elternwille und Demografie das erfordern. Ich will Veränderungen im Sinne bester Bildung für alle haben und mit den Eltern diesen Wandel jetzt gestalten. Sie warten darauf, bis der demographische Wandel Sie zu Entscheidungen zwingt. Und dann treffen Sie – siehe Hauptschule Wulfen – noch die falschen Entscheidungen.

Heddier:
Diese Entscheidung haben wir gut vorbereitet und auf Grundlage sachlicher Kriterien getroffen. Dass wir nur reagieren, ist also nicht richtig. Die örtliche Schulstruktur kann man längstens über zehn Jahre seriös planen. Wir haben jetzt eine Struktur, die zehn Jahre trägt.

Schneider: Sie stehen jetzt vor der demografischen Herausforderung und warten ab. Ich will das jetzt gestalten und biete Ihnen Gemeinschaft an.

Heddier: Ich glaube, dass unsere Positionen zur Bildungspolitik dafür zu weit auseinander liegen. Sie reden nur über das System, wir wollen ganz konkret die Situation für die Schüler verbessern.

 

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